Basistechnologien (General Purpose Technologies, GPTs) steigern in der Regel die gemessene Produktivität erst mit einer zeitlichen Verzögerung. Die typische Sequenz lautet: Erfindung → Verbreitung → Aufbau von Komplementärsystemen (Daten, Prozesse, Fertigkeiten, Governance) → Umgestaltung der Produktion, die schließlich zu messbaren Produktivitätsgewinnen führt. In den mittleren Phasen dieser Sequenz wenden Unternehmen Mittel für immaterielle Vermögenswerte auf, die in der Rechnungslegung als Aufwand statt als Kapital erscheinen – mit der Folge, dass die Statistiken der zugrunde liegenden produktiven Kapazität den Investitionen zeitlich hinterherlaufen. Ökonomische Modelle beschreiben eine J‑Kurve in der gemessenen Produktivität: einen Rückgang während des Aufbaus der Komplementärsysteme, gefolgt von einer Steigerung, sobald die neu gestalteten Prozesse zu messbaren Erträgen führen.1
Die einflussreiche Studie von Bresnahan und Trajtenberg (1992) rückt GPTs in den Mittelpunkt der Wirtschaftsgeschichte. Sie argumentieren, dass ganze Epochen des technischen Fortschritts und des Wachstums im Kern von GPTs geprägt werden. Diese definieren sie als Technologien, die allgegenwärtig sind (also von vielen nachgelagerten Sektoren als Input genutzt werden), ein inhärentes Potenzial für technische Verbesserungen besitzen und „innovative Komplementaritäten“ aufweisen – sprich: Mit der Verbesserung der GPT steigt die Produktivität von Forschung und Entwicklung in den Anwendersektoren. Breiten sich GPTs aus und entwickeln sie sich weiter, durchdringen sie die gesamte Volkswirtschaft und führen zu allgemeinen Produktivitätsgewinnen.2 Diese Sichtweise macht sowohl die letztendliche Leistungsfähigkeit von GPTs sichtbar als auch den langen, komplementärintensiven Weg bis zu breit angelegten Produktivitätssteigerungen.
Dampf, Elektrizität und digitale Computerisierung passen alle in dieses Schema.3 Die gängige Kurzformel – Dampf 60 Jahre, Elektrizität 30 Jahre, Computerisierung 15 Jahre – beschreibt die Zeitspanne zwischen der grundlegenden Erfindung und dem Beginn klarer makroökonomischer Ertragswirkungen. Die Frage bei generativer KI lautet, ob sich diese Verzögerung erneut verkürzen lässt – vielleicht auf sieben oder acht Jahre – und was dafür erforderlich wäre.
Dampf – erst die Erfindung, dann – deutlich später – die Produktivität
Setzt man die Geschichte der Dampfkraft bei James Watts separatem Kondensator von 1769 an, lässt der wirtschaftliche Nutzen lange auf sich warten. Über Jahrzehnte diente Dampf vor allem als stationäre Energiequelle – zunächst für Pumpen, dann für Mühlen, die über Rotationsmaschinen angetrieben wurden –, bis Hochdruckkonstruktionen das Einsatzspektrum erweiterten. Wachstumsrechnungen zeigen, dass der gemessene Beitrag der Dampfkraft zur britischen Produktivität vor den 1830er-Jahren kaum ins Gewicht fiel; deutlichere Effekte traten erst Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts auf, als sich Dampfkraft in Industrie und Transportwesen verbreitete – insbesondere mit dem Aufkommen von Lokomotiven und Eisenbahnen sowie großen dampfbetriebenen Mühlen und Webereien. Flankiert wurde dies durch ergänzende Investitionen in Gleise und Depots, Signalanlagen und Fahrpläne, Wartungswerkstätten und neue Fertigkeiten. Kurz: Die Maschine ging der Wirtschaft um rund sechs Jahrzehnte voraus – eine klassische Zeitverzögerung bei der produktivitätssteigernden Wirkung einer GPT.4
Elektrizität – ein Motor in den 1890er-Jahren, Produktivitätsgewinne erst nach der Neugestaltung der Fabrik
In den 1890er-Jahren waren die zentralen elektrotechnischen Bausteine – Generatoren, Stromverteilung und der Wechselstrom-Induktionsmotor – im Prinzip verfügbar. Die großen Produktivitätszuwächse folgten jedoch erst in den 1920er- und 1930er-Jahren, als Fabriken das aus der Dampfära übernommene Layout mit Wellenantrieb aufgaben. Der bloße Austausch einer zentralen Dampfmaschine durch einen einzelnen großen Elektromotor veränderte wenig; die Erträge entstanden erst, als die Anlagen um Einzelantriebe – kleine Motoren an jeder Maschine – herum neu strukturiert wurden. Das ermöglichte einstöckige Fabriken, flexiblere Abläufe und eine engere Steuerung. Die Früchte der Elektrifizierung wurden also durch die organisatorische Neugestaltung bestimmt – und ließen sich erst über Jahrzehnte realisieren.5
Computer – Produktivitätsdurchbruch Mitte der 1990er-Jahre nach der Umstellung der Prozessplattformen
Der Personal Computer von 1981 gilt als Symbol für die Verbreitung der Technologie, doch der eigentliche Produktivitätsdurchbruch setzte erst nach 1995 ein. Branchenstudien und Wachstumsrechnungen führen einen Großteil dieser Beschleunigung sowohl auf die Produktion als auch auf den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie zurück – mit besonders starken Zuwächsen in jenen Branchen, die Arbeitsabläufe, Lieferketten und Vertriebsformate konsequent auf digitale Systeme umstellten. Die Anschaffung von Hardware allein war wirkungslos; ausschlaggebend war ihre Nutzung, sprich die Neugestaltung von Prozessen und entsprechenden Kompetenzen.6