Perspective

Gen Z und Versicherung – Was gibt Halt im Leben? Auf der Suche nach Leitlinien, Vorbildern und Ankerpunkten [Video]

August 26, 2021| By Friedrich Müller | L/H General Industry, P/C General Industry | Deutsch | English

Region: Germany

In ihrem Jubiläumsjahr widmet sich die Gen Re verschiedenen Themen, die für die Versicherungswirtschaft in den nächsten Jahren von Bedeutung sein werden.

Heute befassen wir uns mit der Studie „Generation Z – Was gibt Halt im Leben?" Wir haben uns gefragt, was die Lebenswirklichkeit der Generation Z (18-25-Jährige) kennzeichnet, was ihnen Halt und Sicherheit gibt und wie sie mit Versicherungen umgehen. Zur Beantwortung dieser Fragen haben wir das renommierte Kölner rheingold institut mit einer Studie beauftragt, in deren Rahmen im April 2021 in Deutschland bundesweit junge Menschen mithilfe psychologischer Tiefeninterviews intensiv befragt wurden. Im Folgenden werden die spannendsten Erkenntnisse vorgestellt.

Ein Leben zwischen Allmacht und Ohnmacht

Die Multioptionalität unserer Gegenwartskultur erfährt in der Gen Z eine Zuspitzung. Einerseits birgt sie für die junge Generation ein enormes Entwicklungsversprechen: Die vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten einer globalisierten Welt stehen ihnen offen. Die permanente Verfügbarkeit schier endloser Informations-, Kontakt-, Kauf- und Flirtmöglichkeiten via Smartphone verleiht zusätzlich ein Lebensgefühl der Allmacht: „the world at your finger tips". Andererseits kann die Vielfalt unbegrenzter Möglichkeiten schnell in Überforderung und Orientierungsverlust kippen. Die Zukunft erscheint ungewiss und gefährdet angesichts der permanenten Entwicklungen, Veränderungen und Krisen in der Welt. Die jungen Erwachsenen haben Sorge, mit „falsch“ getroffenen Entscheidungen, wichtige andere Möglichkeiten zu verlieren – nur im „Dazwischen“ scheinen alle Türen offen zustehen. Zusätzlich spürt die Gen Z einen hohen Erwartungsdruck der Gesellschaft, die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu meistern: Nachhaltigkeit, Klimakrise, soziale Verantwortung, Gleichberechtigung, Antirassismus u. v. m. Zur Lösung dieses Dilemmas ist die Gen Z auf der Suche nach Leitlinien, Vorbildern und Ankerpunkten, die Orientierung versprechen und helfen, die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen.

Innerhalb der übergreifenden Entwicklungsthemen und Herausforderungen der Gen Z haben wir in unserer Studie vier verschiedene Mindsets bzw. Typen identifiziert, die sich im Umgang mit Halt und Sicherheit und ihrer Lebensplanung unterscheiden:

  • geradlinige Absicherer legen sich früh auf einen klaren Lebensplan fest und blenden alle anderen Möglichkeiten aus
  • autonome Finanzmanager zeigen ein selbstbewusstes Auftreten und ein virtuoses Spiel mit Karriere- und Finanzmöglichkeiten
  • fokussierte Etappenspieler richten den Blick stets auf den unmittelbar begreifbaren Zukunftsabschnitt und planen das Leben in aufeinander aufbauenden Etappen
  • flexible Lebensartisten zeigen eine hohe Anpassungsfähigkeit, Offenheit für Veränderungen und einen spielerisch leichten Umgang mit der Vielzahl von Möglichkeiten.

Die Einschränkungen der Corona-Pandemie werden von der Gen Z als besonders schwerwiegend erlebt: Vom Ausbleiben besonderer Lebensereignisse (Abschlussball, Auslandsreise etc.) bis hin zum erschwerten oder verhinderten Einstieg in Ausbildung, Beruf oder Studium. Diese Erfahrung ist für die Gen Z besonders prägend und hat das Grundvertrauen in die Verlässlichkeit der bisher bekannten Lebensmodelle nachhaltig erschüttert.

Das Image von Versicherern bei der Generation Z

Die Beschäftigung mit Versicherungen wird von allen Befragten als unangenehm bis aversiv erlebt, da stets stark angstbesetze Themen mitbewegt werden, insbesondere die eigene Verletzlichkeit oder gar Sterblichkeit. Die Auseinandersetzung mit zu versichernden Risiken und Bedrohungen wird in dieser Lebensphase des Aufbruchs als belastend erlebt. Darüber hinaus wirken bei der Gen Z weitere Barrieren gegenüber Versicherungen: Die Befragten erleben das Thema Versicherung übergreifend als intransparent, unübersichtlich und unglaubwürdig. Skepsis und Misstrauen bestehen gegenüber den Absichten und Eigeninteressen der Anbieter. Der abschlussorientierte Vermittler wirkt abschreckend. Die Gen Z fühlt sich unzureichend vorbereitet, um die richtige Wahl eines Anbieters und Produkte und Vertragsbedingungen beurteilen zu können. Einige Produkte wirken wenig attraktiv bis ungeeignet, die aktuellen Anforderungen und Bedürfnisse der jungen Menschen abzudecken, da sie von eher klassischen, linearen Lebensläufen auszugehen scheinen (z. B. Berufsunfähigkeit).

Den Vorbehalten und Vermeidungstendenzen steht allerdings eine starke Sehnsucht nach Absicherung und Schutz gegenüber, die durch die Corona-Pandemie noch zugenommen hat.

Anforderungen der Generation Z an Versicherer

Die Gen Z wünscht sich für die Zukunft ein neues Selbstverständnis der Versicherungsunternehmen als Vertrauensinstanz und Verbündeten, um den globalen Herausforderungen begegnen zu können. Die zentralen Faktoren der Vertrauensbildung sind dabei die Ansprache auf Augenhöhe, transparente Rahmenbedingungen, das Angebot von individuellen Lösungen und eine hohe Flexibilität. Bei der Neuausrichtung von Versicherungsunternehmen wird beurteilt werden, mit welchem Einsatz positiv belegte Aktivitäten und Engagements verfolgt werden und dabei die Gen Z bei ihren gesellschaftlichen Themen abholen und einbinden.

Hinsichtlich der konkreten Ausgestaltung von Produkten, Touchpoints und Beratung unterscheiden sich die Bedürfnisse der vier Typen.

Die „geradlinigen Absicherer“ werden noch am ehesten von den aktuellen Versicherungsangeboten und Kommunikationswegen bedient. Sie suchen im Versicherungsvermittler einen vertrauensvollen Berater, der ihnen Orientierung gibt und sie an die Hand nimmt.

Die anderen drei Typen fordern hingegen, mit unterschiedlichen Gewichtungen, eine deutlich stärkere Transformation der Versicherungsunternehmen und -produkte:

  • Sie suchen nach Verbündeten im Einsatz gegen die globalen Herausforderungen (Klimawandel etc.) und wünschen sich von Versicherungsunternehmen, dass gemeinsame Ziele, Werte und Haltung sichtbar werden.
  • Die Versicherungsprodukte sollten flexibel sein und stärker auf die verschiedenen Anforderungen und Bedürfnisse im Laufe eines Lebens eingehen.
  • Sie erwarten hochwertige Kundenbetreuung in Form von guter Erreichbarkeit und schnellen unbürokratischen Kommunikationswegen (via App, Chat, Video-Call etc.).

Fazit

Die Versicherer müssen in den Augen der Generation Z ihre Glaubwürdigkeit, Attraktivität und Relevanz steigern. Vier zentrale Punkte sind dabei hervorzuheben:

  1. Individualität und Flexibilität wird eine hohe Bedeutung beigemessen, da sie die Realität unserer Gegenwart maßgeblich prägen. Kurze Kommunikationswege und die Möglichkeit von flexiblen bedürfnisorientierten Produktanpassungen an sich verändernde Lebensumstände sind für die Gen Z sehr wichtig.
  2. Die Gen Z sucht vertrauenswürdige Partner auf Augenhöhe, die transparent und werteorientiert handeln.
  3. Ein Teil der Gen Z wünscht sich darüber hinaus eine gemeinsame Vision und Anstrengung zur Lösung globaler Probleme.
  4. In der Kommunikation werden zeitgemäße Bildwelten und Ansprachen erwartet (z. B. divers, weniger distanziert und förmlich) ohne aber den seriösen Rahmen des Versicherungskontextes zu verlassen (z. B. durch aufgesetzt jugendliches Verhalten). Die besondere kommunikative Herausforderung ist dabei die Balance aus Abmilderung der Schwere des Themas (Schicksalsschläge etc.) und ausreichender Seriosität und Glaubwürdigkeit.

Insgesamt erwartet die Gen Z eine Entwicklung des Selbstverständnisses der Versicherungsunternehmen in Richtung Begleiter und Enabler im Umgang mit den Herausforderungen des Lebens – den individuellen wie den globalen.

Wir haben eingangs erwähnt, dass die Studie ausschließlich in Deutschland durchgeführt wurde. Selbst wenn einzelne Aspekte der Studienergebnisse sehr wahrscheinlich auch in anderen Ländern beobachtet werden können, ist der kulturelle und sozioökonomische Kontext von entscheidender Bedeutung für die jeweiligen Lebenswirklichkeiten der Gen Z.

Außerdem könnte Sie dieses kurze Interview mit Stephan Grünewald und Nanda Dukat vom rheingold Institut und Ulrich Pasdika, Mitglied des Vorstands der General Reinsurance AG, interessieren:

Dieser Beitrag ist lediglich eine kurze Zusammenfassung der Studienergebnisse. Wenn Sie mehr zu dieser Studie erfahren möchten, sprechen Sie mich bitte an.

 

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